01.12.2020
Lasst die Kinder Triumph und Niederlage erleben
von Dr. Ulrike Niederhofer, Lehrerin & Aufnahme
Als Mutter, Lehrerin und Teil der Aufnahme in Salem ist Frau Dr. Niederhofer Expertin für Pädagogik und Erziehung. In ihrem Beitrag erklärt sie, warum Kinder und Jugendliche vor allem an Herausforderungen und Niederlagen lernen und plädiert für das "Loslassen" der Eltern, auch wenn es schwer fällt.

In Deutschland leiden wir an einer sogenannten Überbetreuung unserer Kinder. Viele „Helikoptereltern“ regeln häufig den gesamten Lebensalltag ihrer Kinder. Sie fahren sie zur Schule und zu diversen Freizeitaktivitäten, bereiten ihnen jede Mahlzeit zu, organisieren Sprachreisen und andere Ausflüge und räumen zum Teil sogar noch die unordentlichen Zimmer ihrer Sprösslinge auf. Eine Rundumbetreuung der lieben Kleinen findet statt, der Weg zur Selbstständigkeit ist weit.

Hinzu kommt, dass das „Loslassen“ schwerfällt. Die Kinder, im Teenageralter, möchten vielleicht schon ihre Flügel ein wenig ausbreiten und in die Welt fliegen, doch die Eltern können und wollen nicht loslassen. Sie haben sich in ihrer Betreuungsrolle eingerichtet, sie vielleicht sogar zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Auch wenn heutzutage Mütter wahrscheinlich eher berufstätig sind als früher, fällt ein Loslassen trotzdem schwer. Die andere, die vielleicht weniger sichere oder auch möglicherweise etwas schwierigere Welt ist zu bedrohlich, so dass man das Kind lieber zu Hause halten möchte. Bloß keinen möglichen Schwierigkeiten oder gar Hindernissen begegnen, das könnte die Komfortzone vielleicht doch zu sehr in Gefahr bringen. Bloß nicht etwas heraufbeschwören, was vielleicht zu einem Misserfolg führen könnte. Bloß nicht die Kontrolle abgeben, denn wer kann es eigentlich besser als die Mutter. Unsere eigene Angst lässt unsere Kinder nicht erwachsen werden.

Der Reformpädagoge Kurt Hahn stellte, neben vielen anderen pädagogisch sehr sinnvollen Überlegungen, eine wichtige Regel für den Nachwuchs in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf und die lautet: Lasst die Kinder Triumph und Niederlage erleben. Das Scheitern an einer Sache gehört genauso zum Erwachsenwerden dazu, wie der Erfolg. Lernen an den Niederlagen und deren Überwindung stärkt das Selbstbewusstsein und auch die Überwindung von Angst ist eine sehr heilsame Erfahrung. Wir sind immer weniger mutig und begegnen dem Leben eigentlich mit Angst. Das Beschützen unserer Kinder hat oberste Priorität, aber dabei vergessen wir, dass sie nur lernen mit möglichen Schwierigkeiten umzugehen, wenn sie ihnen auch mal begegnen dürfen. Räumen wir als Eltern jedes Problem aus dem Weg, geben wir unseren Kindern nicht die Chance diese eigenständig zu lösen und an ihnen zu reifen.

Das Selbstständig werden in einem Internat könnte eine Alternative zu unserer Problemvermeidungsstrategie sein. Auf eigenen Beinen stehen, aber dennoch gut und liebevoll betreut werden, Erfolge, aber auch Misserfolge in einer Gemeinschaft erleben und damit umgehen lernen, das gehört zu den großen Vorzügen einer Internatserziehung. Man schiebt nicht ab oder entledigt sich seiner Helikoptertätigkeit, sondern ermöglicht dem Kind ganz bewusst in einer gut betreuten Umgebung sich zu entfalten, selbstständig Entscheidungen zu treffen und selbstverantwortlich zu handeln. Eigenständig Wäsche zu waschen oder sein Zimmer in Ordnung zu halten, sind dabei nur kleinere Nebenprodukte, die man lernt. Das große Lernen ist seine Zeit selbstständig einzuteilen, das Handy mal aus eigenem Antrieb weglegen oder „Nein“ zum „Feiern“ sagen, wenn man für eine Klausur lernen muss. Natürlich geht das nicht immer gut und das Kind macht Fehler, entscheidet sich für das Falsche, verhaut eine Arbeit, weil es nicht früh genug gelernt hat, aber es wird daran reifen und es mit der Zeit anders und besser machen.

Wir müssen lernen loszulassen und mutiger zu werden, Misserfolge bei unseren Kindern zuzulassen, Vertrauen zu haben, statt Angst, sonst erziehen wir eine Generation unselbstständiger, nicht lebenstauglicher Erwachsener, die statt Probleme anzupacken, nur Problemvermeidungsstrategien entwickeln. Stellen wir uns selbst unseren eigenen Ängsten und schenken dem Heranwachsenden mehr Vertrauen. Lassen wir los und seien wir mutig. Uns und unseren Kindern zuliebe.

Dr. Ulrike Niederhofer, Lehrerin und Teil des Aufnahmeteams

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Persönlichkeiten bilden.
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