20.01.2021
Aus dem Tagebuch eines Mitarbeiters: Eine Hommage an das Glück im Schnee und die Internatsarbeit mit den Kindern
Unser Kollege Michael Braun gewährt uns Einblicke in sein privates Tagebuch. Der Eintrag vom ersten Advent 2020 beschreibt seine Erlebnisse in den frühen Morgenstunden des ersten Schneetages in Salem im vergangenen Dezember.

[Erster Advent]

Ich habe Tagesvertretung bei den Jungs der fünften Klasse und muss dafür früh morgens aufstehen. Dafür muss ich zunächst von meinem Zimmer im Hauptbau zum Rentamt, wo die Fünft- und Sechstklässler wohnen und lernen. Als ich das Treppenhaus hinunterlaufe, strahlt es mir überraschend Weiß durch eines der Fenster entgegen: Es hat geschneit! Der schneebedeckte Hof sieht wunderschön aus. Glücksgefühle regen sich. Eher schlecht als recht mache ich ein paar Bilder.

Ich betrete den Wohnflügel der Schüler und rufe laut . „Schnee!“. Es ist Viertel vor sieben, als ich die Kinder wecke. „Alles ist weiß. Es hat geschneit!“ Als ich durch die Zimmer laufe, reiben sich die Jungs die Augen. Schnee?! Die Kinder sind unschwer aus den Betten zu kriegen. Frau Holle scheint ihnen Flügel zu verleihen, gleichsam kleinen Engeln schweben sie aus ihren Federn.

Zwei internationale und daher bislang vor allem Englisch sprechende Schüler frage ich, ob sie denn schon einmal Schnee gesehen hätten. „Is it the first time that you see snow?”, frage ich. Der aus den USA kommende Schüler hat schon einmal Schnee gesehen, der in Hongkong geborene nicht. Wir gehen gemeinsam zum Fenster. Mit einer Bestimmtheit, die ich bis dahin noch nicht von ihm gesehen habe, sagt der gerade erst zehn gewordene Schüler, aus dem manchmal nur schwer ein Wort herauszubekommen ist: “Yes!” Er schaut nach draußen, scheinbar halb in Liebe, halb in Glück.

Aus einem Fenster der sich zum Hauptbau öffnenden Zimmer mache ich mit meiner Handykamera noch ein Bild. Es ist noch dunkel und sieht irgendwie aus wie in einem Traum. 

Die Jungen erklären, es sei nun Zeit für ihre Winterstiefel. Meine Größe erleichtert es mir, die oft im obersten Fach verstauten und nicht gerade leichten Kisten mit dem Wintermaterial herunterzunehmen. Mit den Handschuhen gibt es etwas Probleme, weil nicht alle ihre auf Anhieb finden. Der junge Amerikaner erklärt mir, er habe seine beim Buß- und Bettagslauf verloren. Ich verspreche ihm, ihm später ein Paar Ersatzhandschuhe zu bringen, die ich selber nicht brauchte. Ein anderer Schüler hat nur noch einen Handschuh. Ich sage, dass ich ihm nachher beim Suchen helfen werde.

Auf dem Weg zum Hauptbau, wo die Schüler in der für die Fünft- und Sechstklässler reservierten „Milchbar“ frühstücken, spielen die Kinder mit dem Schnee. Der dick und tief liegende Neuschnee ist zu verlockend; Schnee, wie jeder ihn liebt. Der Mentor der Fünftklässler, den ich heute vertrete, kommt uns entgegen. Seine Schützlinge grüßen ihn und rufen gleichzeitig „Schneeee!“. Dr. Ross, der heute seinen freien Tag hat und das frühmorgendliche Weiß offenbar nutzt, einen unvergleichlichen Schneespaziergang zu machen, dürfte das auch schon aufgefallen sein. Aber es scheint, als könnten die Kinder ihr unverhofftes, weißes Glück nicht oft genug in die Salemer Morgenstunde rufen.

 

In ernstem Ton erklärt der Mentor seinen Schutzbefohlenen, dass nicht ins Gesicht und auf den Kopf geworfen werden dürfe. Ich sage, dass ich das nur unterstreichen könne. „I can only affirm, what Dr Ross just said!“ Aber innerlich bin ich natürlich auch bei den Kindern und bei meinen eigenen Erinnerungen an die wenigen, besonderen Schultage in Weiß.

Unter den Rufen der Schüler und hier und da seichten Schneeballwürfen, die tatsächlich alle merklich unter Kopfhöhe ihr Ziel finden, schlendern wir hinüber zum Hauptbau.  

Unter meinen Turnschuhen knirschte der Schnee. Es ist wirklich Zeit für dickere Stiefel. Immer wieder merke ich: Man lernt auch von den Kindern.

Michael Braun, Schloss Salem, den 29. November 2020

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